Die Stadt wird von ihren Sünden in der Jugendpolitik eingeholt

Lesen Sie einen Kommentar von Echo-Redakteur Stefan Tatge

BARSINGHAUSEN (ta). Nicht erst seit diesen Tagen treten die Auswirkungen der Versäumnisse und falschen Weichenstellungen der Stadt Barsinghausen im Bereich der Jugendarbeit offen zu Tage. Ausbaden müssen das zum einen die Schulen, deren Pausenhöfe von der jungen Generation in den letzten Jahren im zunehmenden Maß nicht nur als Orte für spontane Treffs und Feiern entdeckt wurden, sondern wo sich nicht selten auch Randale und Sachbeschädigungen abspielen. Betroffen sind aber vor allem die Jugendlichen selber, die in Barsinghausen einfach keine festen Treffpunkte und Einrichtungen mehr vorfinden. Arg an den Rand gedrängt muss man sich als Heranwachsender in der Deisterstadt inzwischen vorkommen. Entweder man flüchtet zum Wochenende gleich mit Bus und Bahn nach Hannover, um dort was zu erleben oder man landet eben zwangsläufig bei den neuen Szenetreffs auf den Schulhöfen. Und dabei hatte Basche in früheren Jahren doch so viele Jugendeinrichtungen und auch Angebote zu bieten. Diese negative Entwicklung hin zum jetzigen Status Quo hat sich aber nicht über Nacht eingestellt, sondern ist Folge einer ganzen Reihe von falschen Entscheidungen und einem zunehmenden Maß an Nicht-Berücksichtigungen der wirklichen Interessen der Jugendlichen. Aus den Augen – aus dem Sinn? Diese Gleichung funktioniert auf lange Sicht eben nicht. Bestes Beispiel sind die Skater und BMX-Fahrer, die nur aufgrund ihrer Beharrlichkeit überhaupt mit einem Platz zum Ausüben ihres Hobbys belohnt wurden. Nachdem der Thie in der City begradigt worden war, hatten unzählige Workshops mit den Jugendlichen stattgefunden, bei denen die Liebhaber von waghalsigen Stunts immer den Wunsch nach einem zentralen Platz in der Stadt geäußert hatten. Daraus wurde genauso wenig, wie eine mögliche Etablierung des Skateplatzes auf „Klein Basche“. Stattdessen wurden die Freizeitsportler nach langen Jahren des Wartens fast aufs Feld bugsiert. Immerhin gibt es dort wegen des entstehenden Stadtteilparks noch Potential nach oben. Viel schlimmer sieht es da schon im Bereich der Jugendeinrichtungen und Angebote für Jugendliche aus. Eingeleitet wurde hier die Katastrophe noch in der Regierungszeit der SPD, als man sich entschloss, aus Kostengründen das alte Jugendzentrum in der Bergamtstraße zugunsten eines Experiments namens „KuBa“ zu opfern. Und wie jeder weiß, ging dieser „Schuss“ trotz der hohen städtischen Zuschüsse voll nach hinten los. Aber damit nicht genug. Die Führung im Rathaus ging 2006 in die Hände der CDU über und damit begann die schwierige Zeit für selbst organisierte oder auch freie Jugendarbeit. Zunächst ging es auf Geheiß des damaligen 1. Stadtrates, Marc Lahmann, dem musikalischen Jugendfestival „Rock im Grass“, welches über mehrere Jahre erfolgreich vom „Falkenkeller“ und der Stadtjugendpflege auf dem Abenteuerspielplatz „Klein Basche“ organisiert worden war, an den Kragen. Die Begründung zur Absetzung des über die Grenzen von Barsinghausen bekannten Formats lautete: die städtische Einrichtung Klein Basche sei kein Ort für politische Gruppierungen. Kein Problem war hingegen, dass Parteien auf Schulhöfen weiterhin Wahlkampfstände betreiben konnten oder ein Kinderfest einer Partei auf Klein Basche stattfand. Immer stärker geriet in der Folge dann der Jugendraum Falkenkeller selber in die „Schusslinie“. Dem Betrieb der für die Stadt äußerst günstigen Einrichtung wurden zunehmend Steine in den Weg gelegt. Neben vielen haltlosen Vorwürfen gegen die Betreiber, versuchte es die Verwaltung auch, den Falkenkeller wegen des angeblich mangelhaften Brandschutzes zu schließen – vorerst ohne Erfolg. Trotzdem musste das Mehrgenerationenprojekt letztendlich schließen, weil die nachrückenden Jugendlichen schlicht keinen Bock mehr hatten, ihre Freizeit mit Reibereien mit der Stadtverwaltung zu vergeuden. Der nächste Standort, wo die jugendspezifischen Angebote verloren gingen, war Klein Basche. Auch hier gab es über viele Jahre einen selbst organisierten Thekendienst und selbst organisierte Feierlichkeiten. Beides hatte aus Sicht der Stadt keine Bedeutung und plötzlich war das Anbieten von Bier noch nicht einmal beim traditionellen Osterfeuer erlaubt (dieses Verbot wurde erst in den letzten Jahren wieder gelockert). Und jetzt, nachdem es die Stadt in rund eineinhalb Jahrzehnten fast geschafft hat, sich in eine jugendpolitische Sackgasse zu manövrieren, muss man quasi als Kompensation teures Geld in die Hand nehmen, um einen neuen Jugendraum auf Klein Basche zu schaffen. Man darf gespannt sein, wie die Reise weitergeht.