Historisch-Politisches Colloquium diskutiert über die Frage „Imperien oder Nationen“

BARSINGHAUSEN (hhn).

Entwickelt sich die Weltpolitik nach den Aufteilungen mehrerer Großreiche im vergangenen Jahrhundert  jetzt zu  einer dualen Konfrontation zwischen USA und China? Entstehen  neue Imperien – oder werden sich in einem multipolaren System die Nationen als allgemeine Staatsformen durchsetzen? Das Historisch-Politisches Colloquium Barsinghausen, die VHS Calenberger Land und der  Verein für Geschichte des Weltsystems e.V.  hatten für Sonnabend zu einer kleinen Tagung eingeladen, zu der so viele Teilnehmer kamen, dass der Saal überfüllt war. Allen lag die Einführung in das Thema vor, welche Michael Gehler für die Thüringische Landeszentrale verfasst hat,  und auf den Schwerpunkt der Zeitschrift für Weltgeschichte zum Thema und Prof. Noltes Gesamtgeschichte wurde hingewiesen.

Der Hildesheimer Professor Michael Gehler, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, begann die Tagung mit in einem fulminanten Blick über das Ende von 30 Beispielen aus den 5000 Jahre Geschichte der Imperien.  Belegt sind viele unterschiedliche Mischungen von finalen Krisen – Auseinandersetzungen zwischen Zentrum und Peripherien, Zersplitterungen, Ernährungsprobleme, Angriffe von außen, aber auch Klimaänderungen oder Seuchen. Eine strukturelle Differenz zwischen europäischen, amerikanischen oder asiatischen Imperien sah er nicht; in der Diskussion wurde dann nach der Rolle der Übertragung des Bilds vom Römischen Reich für die christlichen Staaten gefragt.

Professor Björn Alpermann, Sinologe an der Universität Würzburg, gab eine Übersicht zu China und seinen Peripherien vor allem seit der Mandschu-Dynastie, während der die heutigen Grenzen Chinas erreicht wurden. An dem muslimischen, eine Turksprache redenden Uiguren führte er die heutige Minderheitenpolitik aus.  Einerseits wurden „autonome Regionen“ für die Minderheiten eingerichtet, andererseits wurden in Tibet und Xinjiang in Perioden, in denen die Kommunistische Partei sich bedroht fühlte, sowohl mit großen Wirtschaftsinvestitionen als auch mit „Patriotischen Erziehungskampagnen“ gegen die zum Teil islamistische Opposition gearbeitet. Die berüchtigten Arbeitslager gibt es z.Zt. nicht , aber viele Uiguren sitzen in Gefängnissen ein. Phasen von Lockerung wechseln mit harter Repression der Minderheiten ab, andererseits gehören eben 92% der Bevölkerung des Riesenreichs den Han an. Außenpolitisch propagiert Xi Jinping die  „Schicksalsgemeinschaft aller Menschen“ , was auf dem konfuzianischen Konzept „Harmonie in Vielfalt“ beruht. Museumsdirektor Jens Binner (Hannover) fragte nach der Bedeutung der postimperialen Konzepte zur Wiederherstellung des sowjetischen Machtbereichs für die gegenwärtige Politik Russlands und skizzierte das „vergleichsweise gewaltarme“ Ende der UdSSR u.a. in den Bereichen von Wirtschaft, Ideologie und Rüstung.  Er betonte den Verlaufscharakter des Scheiterns unter Gorbatschow und ordnete Putins Rückgriffe auf die Stalinzeit eher als Legitimationsversuche des bestehenden Systems denn als Leitbilder ein.

Prof. em. Dr. Hans-Heinrich Nolte(Hannover/Wien) betonte die Langsamkeit des Übergangs der USA von einem parlamentarischen zu einem demokratischen System mit Wahlrecht aller Bürger und die in allem Parlamentarismus mögliche  Schnelligkeit im Wechsel der Positionen in der Außenpolitik – von der Nichtteilnahme an dem vom amerikanischen Präsidenten vorgeschlagen Völkerbund bis zur Änderung der Ukrainepolitik zwischen Biden und Trump. Trotz der Polarisierung der letzten Jahre sei eine neue Sezession nicht zu erwarten. Nolte betonte, dass die USA kein Interesse daran haben, Russland weiter in die Arme Chinas zu treiben.

Für Diskussionen und Kennenlernen war es sehr förderlich, dass die VHS mit Mittagssnack und Kaffee die Möglichkeit zu längeren Gesprächen ermöglicht hatte. Dabei ging es immer wieder um Kontinuität oder Nicht-Kontinuität der drei vorgestellten Großmächte und die Frage, ob nationale Abspaltungen oder imperiale Ambitionen die Politiken bestimmen. Alle folgten Prof. Gehler darin, dass monokausale Erklärungen nicht aussagekräftig sind – multikausale Analyseansätze brauchen aber mehr Forschung und hängen noch deutlicher von der Quellenlage ab.