Historisch-Politisches Colloquium geht der Frage „Was sind Katastrophen?“ auf den Grund

BARSINGHAUSEN (hhn).

Privatdozent Dr. Helmut Stubbe da Luz von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg führte die Hörer des Historisch-Politischen Colloquiums am Mittwoch auf eine intellektuelle Reise und lud sie ein, gegen den Strich der leichtfertigen und alltäglichen Verwendung von „Katastrophe“ über einen genaueren Begriff nach zu denken. Die von ihm organisierten Ausstellungen über die Flut von 1962 und über „Gomorrha“ – den alliierten Bomberangriff auf Hamburg 1943 – boten den Ausgangspunkt. Eine Eingrenzung des Begriffs  auf nur von Menschen gemachte oder nur durch Naturereignisse hervorgerufene Ereignisse ist schwierig, da z.B. eben die Besiedlung der tief liegenden Gebiete in Wilhelmsburg, wo 1962 die meisten Toten zu beklagen waren, in der Nachkriegszeit gebilligt worden war, weil man Platz für Flüchtlinge und andere Zugezogene brauchte. Außerdem wohnten (und wohnen) die wohlhabenderen Hamburger eh auf der Geest. Zu einer präziseren Definition des Begriffs gehören fraglos die geringe Dauer –  eine Katastrophe ist kurz und plötzlich – der Umfang des Schadens und der Schrecken. Sind alle Katastrophen Wendepunkte, und wenn, für wen? Zum Begriff gehört außerdem die Reichweite – für wen war die Eroberung Roms 410 eine Katastrophe? Jedenfalls nicht für die Goten. Für die Reste des senatorischen Adels? Für die mediterrane Kultur? Gewiss aber für den heiligen Augustinus in Afrika…

Und da „Katastrophenschutz“ in Deutschland Ländersache ist – wer trägt die Kosten der Vorsorge gegen Katastrophen? Wer ist, wenn sie entsprechend den Warnungen, dann doch eintreten – „schuldig“? Das mag bei der Höhe der Deiche noch diskutierbar sein. Aber bei umfassenderen Szenarien? Wir wissen z.B., dass die phlegreischen Felder nördlich Neapels zur Zeit sehr aktiv sind – wer könnte eine vorsorgliche Umsiedlung der anliegenden Orte oder gar der Millionenstadt Neapel (mutatis mutandis San Franciscos) finanzieren? Stubbe da Luz lud zur „Pünktlichkeit der Begriffe“ ein. Ein klares Votum gegen die Begriffsinflation, in der sogar die „Apokalypse“ vom Spielplatz der Computer aus für manche in die Realität des Tages gewandert ist. Man darf auf die nächste Hamburger Ausstellung gespannt sein, die der Nachkriegszeit gewidmet sein wird. Im Colloquium wurde zu Erinnerungen an Krieg- und Nachkrieg ja schon ein Sammelband publiziert, der bei Prof. Nolte als PDF kostenlos erbeten werden kann.

Bericht: Prof. em. Dr. Hans-Heinrich Nolte