Wer galt im Holocaust als Jude? – Vortrag und Diskussion im Historisch-Politischen Colloquium

BARSINGHAUSEN (hhn).

Prof. Pavel Poljan (Freiburg) ist durch seine Publikation der in Flaschen vergrabenen  Berichte von Mitgliedern des Sonderkommando in Auschwitz bekannt geworden („Briefe aus der Asche“, Freiburg 2024, bei Herder). Er begann seinen Vortrag im Historischen Colloquium Barsinghausen mit zwei Definitionen von Judentum, über die auch heute in Israel gestritten wird  – der offiziell gültigen halachischen Definition, die von religiösem Bekenntnis ausgeht, und jener der Säkularen, für welche die kulturelle Prägung im Vordergrund steht (und die mit der Forderung nach einer territorialen Definition der Bürgerschaft im Staat Israel verbunden ist). Poljan ergänzte die Definitionen durch eine dritte: diejenigen Deutschen, Russen etc., die bei einem Anstieg des Antisemitismus überraschend von ihrer Umgebung als Juden ausgesondert wurden, obwohl sie sich selbst als Deutsche oder Russen identifizierten – wie z.B. deutsch-nationale jüdische Frontsoldaten des 1. Weltkriegs im Nationalsozialismus.

In einem Überblick über die Phasen der Diskriminierung von Juden nach 1933 stand am Anfang, dass deutsche Beamte, wenn ihre Großmutter in keinem Taufregister eingetragen war, plötzlich als Juden ihren Beruf verloren und ab 1941, nach dem Angriff auf die Sowjetunion, ermordet wurden (wenn sie nicht geflohen waren). Während des Krieges betraf die Diskussion darüber, wer Jude sei, vor allem einige osteuropäische Gruppen, welche nicht zum „jiddischen Folk“ gehörten – turksprachige Menschen mosaischen Glaubens von der Krim, kaukasisch sprechende aus Dagestan und persische Juden, von denen es auch in Paris kleine Gruppen gab. In den Bürokratien des „Dritten Reichs“ entstanden dazu makabre scheinwissenschaftliche Diskussionen mit Gutachten und Gegendarstellungen – welche Juden sollte man umbringen? Eichmann plädierte für möglichst viele, aber er setzte sich nicht immer durch.

In der lebhaften Diskussion ging es zum einen um konkretere Kenntnisse über die ethnoreligiösen Gruppen mosaischen Glaubens auf der Krim und im Kaukasus sowie um Fragen nach ihrer Geschichte. Aber auch die Entwicklungen der Gegenwart und die Entscheidungen des israelischen Parlamentes zu Fragen der Identität wurden diskutiert.