Beratung auf Augenhöhe: Menschen mit Behinderungen mehr Mitspracherecht einzuräumen

REGION HANNOVER (red).

Dr. Andrea Hanke (v. links), Dezernentin für Soziale Infrastruktur der Region Hannover, Jana Petersen von der EUTB Selbstbestimmt Leben Hannover e.V., die Beauftragte für Menschen mit Behinderungen Sylvia Thiel, Veronika Breuer, EUTB Selbstbestimmt Leben Hannover e.V., und Thomas Dyszack, Teamleiter Leistung Eingliederungshilfe Süd der Region, bei der Vorstellung der unabhängigen Teilhabeberatung in der Region Hannover.

„Nicht über uns – ohne uns“: Mehr Selbstbestimmung, passgenaue Unterstützung und größtmögliche berufliche wie gesellschaftliche Teilhabe – das sind Ziele des Bundesteilhabegesetzes, dessen erste Stufe Anfang 2017 in Kraft trat. Insgesamt sollen die Änderungen dazu beitragen, Menschen mit Behinderungen ein größeres Mitspracherecht einzuräumen und die benötigte Hilfe individuellen Bedürfnissen anzupassen. Seit Anfang 2018 fördert der Bund im Rahmen der neuen Gesetzgebung die Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstellen (EUTBs). Das Besondere an dem Konzept: die „Peer-Beratung“, sie findet von Betroffenen für Betroffene statt. Am Dienstag (5.2.) hat der Verein Selbstbestimmt Leben Hannover seine Arbeit der Teilhabeberatung vorgestellt und von den Erfahrungen aus dem ersten Jahr berichtet – stellvertretend für die insgesamt sechs EUTBs in der Region Hannover. „Die Arbeit der Teilhabeberatungsstellen ist unglaublich wichtig. Vor allem, dass diese Unterstützung für Menschen mit Behinderungen so niedrigschwellig und ganzheitlich ist. Wir kooperieren eng mit allen EUTBs“, so Dr. Andrea Hanke, Dezernentin für Soziale Infrastruktur der Region Hannover. „Für die Betroffenen ist es zum Beispiel sehr sinnvoll, sich beraten lassen, bevor sie einen Antrag auf Leistungen stellen. So können sie unnötige bürokratische Prozesse umschiffen und schnell die für sie richtige Hilfe bekommen“, sagt Thomas Dyszack, Teamleiter Leistung Eingliederungshilfe Süd der Region. Auch die Beauftragte für Menschen mit Behinderungen Sylvia Thiel ist überzeugt von dem neuen Angebot zur Teilhabe: „Das ist unabhängige und vor allem Beratung auf Augenhöhe – ein wesentlicher Aspekt ist hier auch die Stärkung der Eigeninitiative und Selbsthilfe der Betroffenen. Denn darum geht es: Jeden Menschen in unserer Gesellschaft dabei zu unterstützen, die bestmöglichen Teilhabechancen zu bekommen.“ Die Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstellen beraten Menschen mit Behinderungen und Angehörige kostenfrei und unbürokratisch zu allen Fragen rund das Leben mit Behinderungen sowie zu individuellen Möglichkeiten, unterstützen bei Anträgen auf Eingliederungsleistungen oder vermitteln an passende Hilfeangebote. „Wir beraten zu allen Formen der Behinderungen und zur persönlichen Lebenssituation. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, wie sie an einen Schwerbehindertenausweis kommen und welche Vorteile er ihnen bringt “, sagt Jana Petersen. Sie ist Projektleiterin und eine der fünf Beraterinnen, die seit Anfang vergangenen Jahres in der EUTB von Selbstbestimmt Leben Hannover e.V. Beratungen anbietet – rund 600 waren es im Jahr 2018. Etwa 80 Prozent der Ratsuchenden hatte eine körperliche, kognitive, seelische oder Sinnesbeeinträchtigung. 15 Prozent waren Angehörige und rund fünf Prozent Fachleute. „Ob das Thema Elternschaft mit Behinderungen, Geflüchtete mit Beeinträchtigungen oder Assistenzen für das Studium: Die Bedürfnisse und Anliegen sind sehr unterschiedlich, daher ist es wichtig, den Menschen, den man vor sich hat, ganzheitlich zu beraten und sich mit ihm gemeinsam anzuschauen, was gebraucht wird“, so Petersen. „An erster Stelle steht bei uns, dass die Beraterinnen und Berater wissen, wovon sie sprechen, weil sie selbst Betroffene sind. Und das Konzept des sogenannten Peer-Counseling geht auf, das zeigen uns die Rückmeldungen unserer Ratsuchenden, die uns vielfach gesagt haben, dass sie sich zum ersten Mal wirklich verstanden fühlen.“

Insgesamt sechs Ergänzende unabhängige Teilhabeberatungsstellen gibt es in der Region Hannover:

BSK Bereich Selbsthilfe Körperbehinderter Hannover u. Umgebung e.V., Vor dem Steintor 5, 30982 Pattensen, E-Mail: bskhannover@htp.info, Telefon: 05101 586330

Peer-Counseling-Beratung von Selbstbestimmt Leben Hannover, Herrenstraße 8a, 30159 Hannover, E-Mail: beratung@slh-ev.de, Telefon: 0511 3522521

Mittendrin Hannover e.V., im Beratungszentrum Inklusion (BZI) , 30159 Hannover, Herrenstraße 8a, E-Mail: eutb@mittendrin-hannover.de, Telefon: 0511 59094620

Teilhabeberatung Hannover Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen e.V., Kühnsstraße 18, 30559 Hannover, E-Mail: info@blindenverband.org, Telefon: 0511 5104201

Beratungsstelle Taubblind Niedersachsen, Albert-Schweitzer-Hof 27, 30559 Hannover, E-Mail: beratungsstelle@taubblindenwerk.de, Telefon: 0511 510086613

Heilpädagogische Hilfe Osnabrück e.V., Hildesheimer Straße 17, 30169 Hannover, E-Mail: s.henke@os-hho.de, Telefon: 0541 1800973

Zur Eingliederungshilfe allgemein: Die Aufgabe der Eingliederungshilfe (6. Kapitel SGB XII) ist es, behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen durch ambulante, teilstationäre und stationäre Maßnahmen zu unterstützen, um ihnen die gesellschaftliche Teilhabe und ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Entscheidung über den Bedarf und die passende Eingliederungshilfemaßnahme wird gemeinsam mit dem Menschen mit Behinderung in Teilhabeplan- und Gesamtplangesprächen getroffen. Das können in der teilstationären Betreuung zum Beispiel Leistungen für tagesstrukturierende Maßnahmen oder Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben wie eine Tagesförderstätte sein. Für die stationäre Betreuung von Menschen mit Behinderung stehen Leistungen zum Leben in stationären Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Grundsicherungsleistungen sowie Hilfe zum Lebensunterhalt zur Verfügung. Für Kinder mit Behinderungen unter drei Jahren kann die Eingliederungshilfe Leistungen zur integrativen Betreuung in Krippen gewähren, für Kinder ab drei Jahren kann es die Förderung in heilpädagogischen Kindergärten und Sprachheilkindergärten sowie in einer integrativen Gruppe oder als Einzelintegration in Regelkindergärten geben. Aktuell erhalten in der Region Hannover insgesamt rund 10.000 Menschen Leistungen der Eingliederungshilfe.

Foto: Region Hannover / S. Wendt